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Böses, Böses Google

Rolando Baron · 17. Oktober 2009 · 1 Kommentar · Big Thinking

Dieser Artikel ist zuerst auf dem Online-Blog von persönlich.com erschienen und war eine Replik auf den Text von Herr Neininger,  Präsidiumsmitglied des Verbandes Schweizer Presse. Übrigens: Diese Replik vom Büro Baron wurde von über 5000 Lesern gelesen (auch nicht schlecht, für so ein bisschen Feierabend-Tipperei, oder?). So… und jetzt der Artikel:

„Wenn man uns die Kontrolle überlässt, werden wir sie nutzen. Wenn nicht, wird man uns verlieren. Dieser Grundsatz ist das oberste Gesetz des neuen Zeitalters. Bisher dachten die Mächtigen – Unternehmen, Regierungen (und die Presse Anmerkung der Redaktion) – ihnen stünde das Recht auf Kontrolle zu, und so war es auch. Aber das ist nicht mehr so.

Mittlerweile gibt uns das Internet die Möglichkeit, mit der Welt ins Gespräch zu kommen, uns selbst zu organisieren, uns Informationen zu beschaffen und sie verbreiten, überholte Bahnen infrage zu stellen und uns das Recht auf Kontrolle zurückzuholen.“

Wenn nicht mehr einer redet, sondern viele.

Und genau hier liegt die Herausforderung für die Medien. Denn was das Internet gefährdet, ist die Interpretationshoheit von Journalisten – und damit die Macht der schreibenden Zunft. Das ist für die Zeitungen natürlich Schade – denn wer verliert schon gerne Macht und einen ehemals vollen Geldsäckel – aber es nützt nichts: Das ist nun mal so.

Das erstaunlich dabei: Man meint das Internet, schreibt aber Google. Man verteufelt laterale, auf Pluralität zielende Kommunikationsstrukturen, aber die grosse Haue bekommt ein einzelnes Unternehmen ab. Denn Google habe – so war hier vor wenigen Tagen zu lesen – ein „parasitäres Geschäftsmodell.“

Zeitungen sind Portale – Google ist es nicht.

Jetzt könnte man direkt zurückfragen, ob nicht auch Zeitungen auf einem sich fremd ernährenden Geschäftsmodell beruhen. Aber lassen wir das mal. Nur so viel: Google sammelt nicht – wie vor kurzem geschrieben – sondern ernährt sich von dem, was wir Google freiwillig geben. Und Google strukturiert nicht, sondern lässt strukturieren. Denn wir – die User und Surfer – sind es, die Website nach oben oder nach unten befördern. Die Relevanz von Inhalten bestimmen wir und eben nicht Google.

Damit hat Google den Menschen ein Tool in die Hand gegeben, unsere Welt dezentral zu ordnen: Die Weisheit der Vielen gegen die Weisheit des Einzelnen, die Intelligenz der Masse gegen das Deutungsmonopol von bezahlten Realitäts-Vorkauern – das ist Google.

Bei den ehemaligen Online-Riesen Yahoo und AOL war das übrigens anders. Aber die sind längst Geschichte. Weil sie nach überholen Regeln arbeiten, „denn sie üben Kontrolle über Inhalt und Verbreitungswege aus und bilden sich ein, man könnte Kunden, Beziehungen und Aufmerksamkeit besitzen.“ Diese Kontroll-Mechanismen kennzeichnen Portale – sowohl im World Wide Web als auch im Print. Doch Portale sind das Gegenteil von Netzwerken und Plattformen, also von Google.

Das Ende der Gutenberg-Galaxie und der kulturelle Wandel.

Irgendwie erinnert das ganze Phänomen fast schon ans ausgehende Mittelalter: an die Religion und deren Interpreten, die Priester. Denn diese Herren in dunklem Purpur hatten früher die Macht, uns Himmel und Hölle zu erklären und ihre Weltsicht zur alleingültigen Weltsicht von ganzen Gesellschaften zu machen. Sie haben Wahrheit konstruiert und nicht anderes macht auch die vierte Macht, die Presse. Doch dann kam die Aufklärung, die Menschen entdeckten ihre eigene Vernunft, jagten die Priester von den Kanzeln und schlossen die Pforten der Gotteshäuser. Dabei spielte ein Martin Luther eine bedeutende Rolle – und ein gewisser Johannes Gutenberg.

Die Gutenberg-Galaxie (damals neu, jetzt aber alt) scheint jedoch vor gewaltigen Herausforderungen zu stehen. Nur wird man diesen Herausforderungen nicht gerecht, wenn man den zugrund liegenden kulturellen Wandel ausser Acht lässt. Denn darum geht’s – in der Presselandschaft, in der Markenführung und in der Kommunikation: Um einen kulturellen Change mit all seinen sozialen und merkantilen Folgen.

Wer Neuland erobern will, muss auch neu denken.

Kulturen ändern sich und es ist das Wesen von Kultur, sich permanent neu zu erfinden. Und wie reagieren die Betroffenen meistens auf diese Herausforderungen? Sie überlegen sich, wie sie die alten Kühe weiter melken können und wie sich überkommene Rezepte in ein neues Umfeld transferieren lassen. Das kann man zwar machen, bringt aber nicht viel.

Darum noch schnell ein kurzer Blick zurück zu den Priestern. Denn die gibt’s immer noch, weil die Frage nach dem Sinn – dem grossen und allumfassenden  – uns kleinen Erdenwürmern immer unter den Nägel brennt. Allerdings tragen diese neuzeitlichen Priester keine Soutane mehr und Kanzeln brauchen sie auch nicht. Sondern sie tragen Rollkragen-Pulli und sitzen auf normalen Stühlen neben länglichen Sofas. Weil die Priester von gestern die Psychologen und Therapeuten von heute sind.

Was das alles mit dem Journalismus zu tun hat? Nun, sehr viel. Denn Priester haben, wie die Presse, früher die Welt erklärt. Sie waren die Allwissenden und die Mittlern zwischen dem grossen Ganzen und dem kleinen, einzelnen Menschen. Ihr Deutungsansatz war dabei deduktiv. Im Gegensatz dazu die Therapeuten: Ihr Deutungsmodell ist induktiv – sie gehen vom Einzelnen aus und widmet sich dem Partiellen. Und das Partielle kennzeichnet auch die Welt der Blogs und die sozialen Netzwerke. Weiterer Change: Priester erklären. Sie sagen so ist und so nicht. Therapeuten hingegen moderieren. Sie erklären nicht, sondern fragen. Sie sagen nicht, wie es ist, sondern wie es sein könnte.

Es gibt immer Alternativen – hier man ein klitzekleiner Anfang.

Und das wäre die auch eine Chance für Journalisten: Wenn sich Journalisten (die dann vielleicht Knowledge-Coach heissen würden) nicht als Erschaffer von Wissen verstehen würden. Sondern als Vermittlern von Wissen. Wenn Sie nicht in zentralisierten Strukturen denken würden. Sondern in facettenreichen Rhizomen. Wenn sie nicht erklären würden. Sondern moderieren.

Short cut und Ende – zumindest hier.

So – und jetzt mache ich das, was man angeblich manchen soll, wenn’s am meistens Spass macht. Ich höre auf. Denn erstens bin ich kein Journalist und fühle mich völlig frei von jeglicher Bringschuld. Und zweitens: Die letzten Zeilen sind sehr skizzenhaft und nur angedacht. Aber ich merke schon, wie hier langsam konkrete Ideen entstehen. Wie sich neue Wege auftun und wie sich aus dem abstrakten Wortgewitter vielleicht noch ganz andere, sehr reale Ansätze ergeben, die man so gar monetarisieren könnte. Doch die hier einfach Preis zu geben… nee, dazu ist mir mein Bankkonto zu dünn und mein Brain zu wertvoll.

Also, liebe Zukunftsinteressierte, wenn ihr mehr wissen wollt, einfach anrufen. Dann könnte man zusammen (und genauso partizipativ, wie es auf dem Web 2.0 nun mal Usus ist), neue Wege andenken.

Aber ich befürchte schon: Die einen werden weiter jammern. Andere fleissig motzen. Und die Dritten werden vielleicht einfach nur beten (soll ja nützen, sagen zumindest die Priester).

(Die Zitate sind vom Medienexperten Jeff Jarvis und wurden – parasitär – aus dem Buch „Was würde Google tun?“ abgeschrieben.)

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